Gregor Hennig, Musikproduzent

Gregor Hennig, Musikproduzent

Nicht nur eilt dem Musikproduzenten Gregor Hennig der Ruf hinterher, der schnellste Schlagzeuger der Welt zu sein; auch seine Hühnersuppe ist unheimlich lecker. Wir haben ihn in seinem Studio in Bremen getroffen und waren danach schön satt und glücklich.

Text von Lena Geue

Lena ist Musikerin und begeisterte Menschenkennenlernerin. Mit niemand anderem hätte ich also den schönen Weg nach Bremen antreten wollen, um den Musikproduzenten Gregor Hennig zu teffen. Da die beiden sich berufsbedingt schon viel zu erzählen hatten, war ich sehr gespannt, auf das, was mich an dem wunderschönen Sonntag erwarten sollte. Was dabei herausgekommen ist, wie sich das Musikbusiness verändert hat und wie es früher so war, das lest ihr am besten selber.

 

Ein Sonntag ist ein Sonntag ist ein Sonntag.

Das Wochenende schmerzt noch leicht in den Knochen, der Hamburger Himmel hängt oft grau und träge über den Hausdächern, aber dennoch macht sich ein kleines, kitzelndes Freiheitsgefühl breit.
Sonntags ist alles erlaubt - ewig im Bett liegen bleiben, im Pyjama Altpapier wegbringen, 50 Folgen "Breaking Bad" schauen, sich eine Runde mit tausend anderen Verrückten um die Alster schieben oder: einen Sonntagsausflug machen. Raus aus der Stadt, rein in den Metronom nach Bremen.

Yeldas und mein Ausflugsziel für diesen Tag ist das Studio Nord in Bremen Oberneuland. Dort sind wir eingeladen bei Gregor Hennig, seines Zeichens Musikproduzent, Feingeist und Hühnersuppen-Experte. Gregor hat die Hamburger Musiklandschaft als Produzent von u.a. "Die Sterne" entscheidend mitgeprägt. Zuletzt betrieb er das Tonstudio "Le Chatelet", in dem er ausschließlich analog aufgenommen hat.
Dann brauchte er einfach mal was Neues, hat die Option entdeckt, in das Studio Nord einzusteigen und zugeschlagen.

 

Gregor öffnet uns die Tür zu seinen heiligen Hallen (dieser Terminus ist bei der Größe des Gebäudes keine Untertreibung), wie immer im Anzug. Wir sind ziemlich beeindruckt von der riesigen Eingangshalle und der nicht minder großen Küche. In deren Ecke thront ein altes braunes Sofa à la Loriot und ein wunderschöner gusseiserner Ofen, auf dem in der Vergangenheit sicher schon so einige Hühnersuppen geköchelt haben.
Wir werden heute gemeinsam kochen, er wird uns das Studio zeigen und ich möchte ihm viele Fragen stellen.

Gregor hat seine Markteinkäufe für die Hühnersuppe schon auf dem Tisch ausgebreitet: Karotten, Sellerie, Lauch, Knoblauch, Mangold und Kartoffeln für den Nachtisch. Dazu gibt es Piroggen mit Sahne.
Wir trinken noch einen Kaffee und machen uns dann gemeinsam an die Arbeit.

Karotten, Sellerie, Lauch, Knoblauch, Mangold, Kartoffeln
Hühnersuppe
Hühnersuppe
Hühnersuppe
Hühnersuppe
Hühnersuppe

Während wir das Gemüse schnibbeln, erzählt Gregor ein bisschen von der Geschichte des Studio Nord. Es wurde Mitte der 50er Jahre von dem ehemaligen Schlagersänger Wolfgang "Ronny" Roloff gegründet.

Zuvor beherbergte das Haus eine Dorfschänke inklusive Tanzdeele (der heutige Aufnahmeraum) und präpariertem Honky-Tonk-Klavier. Ronny kaufte das Haus und so entstand damals eines der ersten privat geführten Tonstudios Deutschlands. Durch seine Kontakte nach Holland (da spielte noch ein dubioser Manager Names Addy Kleijngeld eine Rolle) kam Ronny an die ganz heiße musikalische Ware: Heintje. Alle auf deutsch erschienenen Titel dieses Wunders der deutschen Nachkriegsjahre wurden im Studio Nord aufgenommen und produziert. Damals ließ sich mit Nummer 1 Hits noch so richtig Geld verdienen und Ronny kaufte Mikrofone und Bandmaschinen. Er ließ sogar ein Röhrenmischpult von einem Bremer Tontechniker bauen. All diese Schätze sind heute noch vorhanden und werden von Gregor wieder benutzt -­ ein echter Glücksgriff. Wir kommen kurz auf die prekäre Lage auf dem Musikmarkt zu sprechen. Heute kann man nämlich mit 5000 verkauften Platten schon in England in die Top 20 einsteigen. Geld ist nicht mehr viel vorhanden. Ein leidiges Thema? "Ich mache weiter" sagt Gregor, "es macht sich ja nicht von selbst. Ich kann ja auch nichts anderes".

Es ist immer gut, weiter zu machen, und das tun wir jetzt auch: die Brühe kann aufgesetzt werden.

Hühnersuppe

Kochst du nach einem bestimmten Rezept?

Gregor: Eigentlich koche ich einfach nach Gefühl. Irgendwann habe ich mal ein Huhn gekauft und es in den Topf geworfen. Eine Handvoll Salz pro Topf fühlt sich zum Beispiel gut an. Manchmal hänge ich auch einfach einen Teebeutel rein -­ ich mag es, wenn die Suppe würzig ist, man aber nicht so genau bestimmen kann, woher der Geschmack kommt.

Gesagt, getan. Kochen und Musik machen haben doch ziemlich viele Parallelen. Während also die Summe unserer Improvisation im Topf vor sich hin köchelt, bekommen wir endlich unsere heiß ersehnte Führung.
Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus und Yelda lässt verlauten, dass sie schon mindestens 200 Bilder geschossen hat.
Ich löchere Gregor mit Fragen über Mikrofone, Raumakustik, Aufnahmetechnik, Musikbusiness und, und, und.

Aber ihr sollt hier nicht mit "19­Zoll­Gesprächen", sprich Nerdgeplappere, gelangweilt werden. Schließlich geht es ja vorrangig um Hühnersuppe und menschliches. Wir gehen also weiter durch das Haus, zum Rauchen auch mal nach draussen.

Studio Nord
Studio Nord
Studio Nord
Studio Nord
Studio Nord
Studio Nord
Studio Nord

Der Garten, nur bewohnt von zwei leicht kränklich anmutenden Kastanien, ist noch etwas kahl. Gregors Abhör- und Mischraum ist dafür aber umso gemütlicher. Neben der schicken Retro­-Tapete (Restbestand aus dem Tapetenkeller, für die Hamburger) hängt eine beachtliche Galerie von Platten, die von Gregor produziert wurden. Trashmonkeys, die Sterne, Bernd Bergemann, Vierkanttretlager und aktuell die wunderbare Hamburger Band Rhonda, um nur einige zu nennen.

Bernd Bergemanns Gitarren stehen drüben in der Ecke neben dem Sofa. Ich würde mir so gerne mal die schwarze Danelectro-Gitarre krallen, traue mich aber dann doch nicht. Statt dessen besinne ich mich meiner eigentlichen Aufgabe und stelle noch ein paar Fragen.

Im Gespräch

Lena: Wie kamst du eigentlich zum Musikmachen und Produzieren? Wolltest du immer Musiker werden?

Gregor: Es hat sich halt irgendwie ergeben. Ich wollte eigentlich immer Zeichner werden, aber es hat sich eben alles sehr ergonomisch in die Musikrichtung entwickelt. Man macht ja immer da weiter, wo etwas passiert."

Lena: Man könnte also sagen, aus Idealismus und Zufall?

Gregor: Ja. Mit 16 hatte ich eine Metal-­Core Band. Zwischen '89 und '92 haben wir jährlich 50 Konzerte in Deutschland gespielt, sind durch besetzte Häuser getourt und haben nach den Gigs auf bierverklebten Bühnen gepennt. Das war ein schönes Gefühl von Freiheit, und mit 16 ist man ja auch noch hart im Nehmen. Irgendetwas zwingt einen halt in dem Alter, von zu Hause wegzukommen. Da war so ein gewisses Gefühl der Notwendigkeit. Es gab eben zu der Zeit noch eine Jugendkultur, die sich bewusst von der Elterngeneration distanziert hat.

Lena: Darüber denke ich gerade auch viel nach. Heute ist es als junger Mensch schwierig, sich abzugrenzen. Sich der Popkultur im weitesten Sinne zugehörig zu fühlen ist auch noch okay, wenn man über vierzig ist. Es ist erlaubt, einfach immer so weiter zu machen, wie man angefangen hat.

Gregor: Zum Glück, sonst müsste ich jetzt seriös werden.

Lena: Warum machst du Musik?

Gregor: Es ist die einzige Möglichkeit, meine Gefühle auszudrücken, die ich zuhause gelernt habe.

Lena: Dann ist es doch gut, dass du einen Weg gefunden hast.

Gregor: Nun ja, besser wäre sicher schon, Gefühle direkt zu zeigen -­ ich schau mal nach der Suppe.

Yelda macht noch ein paar Fotos und dann folgen wir Gregor in die Küche. So langsam macht sich im gesamten Haus ein wunderbarer Hühnersuppen-Duft breit und uns läuft schon das Wasser im Munde zusammen. Ein bisschen warten müssen wir noch ­- das Huhn will zerlegt, die Suppe einmal abgekühlt und wieder aufgekocht werden. Ausserdem haben wir fast die Piroggen vergessen! Schnell Kartoffeln kochen, diese zu Brei stampfen und mit etwas Mehl und Quark zu kleinen Bällchen Formen.

Studio Nord
Studio Nord
Studio Nord
Gregor Hennig

Lena: Du warst ja auch öfter in Asien unterwegs. Hast du schon einmal etwas richtig ekliges gegessen?

Gregor: Ich habe schon alles mögliche probiert und mag eigentlich vieles. Was tatsächlich nicht so der Hammer war, sind Käfer. Die schmecken einfach nach Hausstaub mit einer Prise Kellerassel.

Lena: Hier in Bremen ein neues Studio aufzubauen ist ja schon ein grosser Schritt nach so vielen Jahren in Hamburg. Wenn du nochmal komplett "von vorne" anfangen könntest, es egal wäre und du dir einfach irgend etwas aussuchen könntest, was würdest du tun?

Gregor: Vieles in meinem Leben hat sich von selbst ergeben und ich bin auch immer dorthin gegangen, wo ich Menschen kannte. Es würde mich tatsächlich reizen, in China zu leben, obwohl das vermutlich der direkte Weg in die Einsamkeit wäre. Man ist dort als Europäer einfach fremd und ich glaube, dass man das auch zu spüren bekommen würde, wenn man dort lebt.
Ansonsten reizt mich eher der Gedanke, aufs Land zu ziehen und mein eigenes Gemüse anzubauen. Dann müsste man auch nicht so viel "Lohnarbeit" leisten, um überhaupt im Supermarkt Nahrungsmittel einkaufen zu können.

Lena: Hast du manchmal das Gefühl, dass du dich verkaufst?

Gregor: Ja, schon, wer macht das nicht? Manchmal muss man halt die Zähne zusammen beissen, aber so richtig scheiße finde ich eigentlich nur so Dinge wie Steuer machen.

Lena: Trotzdem ist es ja absurd, dass man, sei es nun aus Zufall oder Idealismus, Kunst macht, weil man sich entschließt, sein Leben in etwas andere Bahnen zu lenken. Und plötzlich findet man sich ebenfalls in eine Branche wieder, in der sich alle verkaufen und auf dicke Hose machen. Da ist es schwierig, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Was bedeutet es für dich, Musiker zu sein?

Gregor: Mit Kunst und Musik schlagen wir eine Brücke zu anderen Menschen. Das, was im Schaffensprozess passiert, ist größer als der eigene Einflussbereich. Das ist ja eben das Spannende daran: es ist ungewiss, was bei anderen ausgelöst wird. Es geht immer um Kommunikation. Dazu braucht es auch immer einen Betrachter oder jemanden, der sich die Musik anhört, die ich produziere.
Und: in dem Moment, wo ich etwas veröffentliche, habe ich überhaupt keine Kontrolle darüber, was mit dem Produkt passiert. Spätestens da muss man es loslassen und etwas Neues beginnen.

 

Spannend, das Alles. Und jetzt ist auch endlich die Suppe fertig! Geschlagene drei Stunden haben wir sie köcheln lassen und setzen uns nun gemeinsam an den Tisch. Während wir essen, philosophieren wir noch ein wenig über Musik und Kapitalismus, protestantische Bescheidenheit, PEGIDA, Zukunftsvisionen und dergleichen mehr.

Die Suppe schmeckt einfach herrlich! Yelda haut noch schnell ein paar Piroggen in die Pfanne und wir schwelgen in Kartoffeln mit Schlagsahne. Besser geht es eigentlich kaum. Hier und da blitzen noch ein paar Fragen durch:

Ob das braune Sofa wirklich mal Loriot gehörte? Ob Heintje über das selbstgebaute Röhrenmischpult wohl jemals einen Song eingesungen hat oder ob das Foto nur gestellt ist? Warum die Welt so ist, wie sie ist?

Wir werden es vielleicht nie herausfinden.
Glücklich, inspiriert durch tolle Gespräche und mit von Hühnersuppe mit Piroggen und Weißwein wabernden Bäuchen treten wir den Heimweg an.

Das war ein wunderbarer Sonntagnachmittag bei Gregor. Wir hoffen, dass wir noch einmal wieder kommen dürfen!

Hühnersuppe
Gregor Hennig
Hühnersuppe

Zutaten

1 großes Bio-Huhn, ca. 1,5kg (kein Suppenhuhn, da nicht fettig genug) · 1 große Sellerieknolle · 1 kg Möhren · 2 Lauchstangen · 1 Ingwerknolle, ca. 8cm · 1 ganzer Bund Petersilie · 1 Bund Mangold · 3 Zehen Knoblauch · Kurkuma · Oregano · Kreuzkümmel · Paprikapulver · Salz · Pfeffer · optional: Gemüse nach Gusto, z.B. Paprika oder Suppennudeln

Zubereitung

  1. Sellerie und Karotten schälen, mit den Lauchstangen grob hacken. Ein halbes Bund Petersilie grob hacken. Alles in einen großen Topf geben. Das Huhn eventuell von seinen Innereien befreien, ebenfalls in den Topf geben. Mit soviel Wasser bedecken, das es fingerdick drübersteht. Großzügig salzen.
  2. Aufkochen lassen, auf schwache Hitze reduzieren. So lange es geht - mindestens drei Stunden - mit geschlossenem Deckel simmern lassen. Über Nacht stehen lassen. Für Eilige: mindestens kalt werden lassen, damit die Aromen sich binden können.
  3. Gemüse aussieben. Huhn auseinander pflücken, Fleisch in die Suppe zurückgeben. Nochmal aufkochen. Mit jeweils einem TL Pfeffer, Oregano, Kreuzkümmel und Paprikapulver abschmecken. Mit Salz abschmecken.
  4. Für die Einlage Mangold waschen, mit der restlichen Petersilie klein hacken und in die Suppe geben. Ca. 5  min mitkochen.
  5. Noch ein letztes mal abschmecken.  Wer mag kann die Einlage mit anderem Gemüse, wie z.B. TK-Erbsen oder Suppennudeln ergänzen oder den Mangold komplett durch anderes Gemüse ersetzen.
Studio Nord
Studio Nord
Studio Nord
Schlafzimmer
Studio Nord
Studio Nord
Studio Nord

Close

1 Kommentare

Jonas schreibt |

Ein ganz schöner Text Lena!