· von Yelda & Jonas

7 Fragen an Christian Rach zum Thema Lebensmittelverschwendung

Wir haben Christian Rach auf dem Food Blog Day 2015 in Hamburg getroffen und ihm danach noch die eine oder andere Frage gestellt.

Einen Beitrag über den Food Blog Day gibts hier.

Christian Rach

Jeder von uns wirft 90 kg Lebensmittel pro Jahr einfach weg


1. Warum ist Lebensmittelverschwendung ein so wichtiges und großes Thema?

Insgesamt landen jedes Jahr über 18 Mio. t Nahrung im Müll. Davon sind 10 Mio. vermeidbar. Das sind über 27.000 t/Tag!

Ein Großteil schmeißt der Endverbraucher weg: Jeder von uns wirft 90 kg Lebensmittel pro Jahr weg.
Das macht über 7,2 Mio. t an Nahrungsmitteln, die eigentlich auf dem Teller, statt in der Tonne hätten landen sollen. Das sind 7.200.000.000 kg! Rund 2/3 davon sind vermeidbar.

Unser Verhalten verursacht vor allem ökologische Schäden. Denn für die Produktion von Lebensmitteln werden Ackerboden, Wasser, Energie und Arbeitskraft benötigt.
Die wenigsten Lebensmittel, die weggeworfen werden, gehören wirklich dort hin. Denn was wir wegwerfen ist meistens nicht verdorben, sondern sieht einfach nicht mehr perfekt aus. Vor allem bei Obst und Gemüse ist das bei falscher Lagerung schnell der Fall. Obst und Gemüse machen fast die Hälfte aller verschwendeten Lebensmittel aus.
Abgesehen von den ökologischen und finanziellen Schäden, die entstehen, ist unsere Lebensmittelverschwendung im Hinblick auf die gleichzeitig fast eine Milliarde hungernden Menschen auch moralisch gesehen eine Katastrophe.

2. Die Zahlen, die man sieht, sind unglaublich und traurig zugleich. Wie kommt es zu solch horrenden Zahlen?

Es gibt eine Reihe von Gründen, warum wir so viel wegwerfen:

Wir kaufen ohne Plan ein. Unsere Supermärkte gleichen heutzutage Schlaraffenländern, in denen es scheinbar alles zu jeder Zeit im Überfluss gibt. Wer sich nicht genau darüber Gedanken macht, was er eigentlich wirklich braucht, sondern sich hemmungslos seinen Einkaufs-Gelüsten hingibt, kauft meist zu viel. Diese Lebensmittel sind es, die dann oft unnötig weggeschmissen werden. Also am besten immer eine Liste schreiben.

„Etwa 65 % aller Lebensmittel sind meist noch einwandfrei genießbar"

Und: Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist eigentlich eine gute Orientierungshilfe, um die Frische von Lebensmitteln zu beurteilen. Aber es verursacht auch viel Unsicherheit unter den Verbrauchern. Denn viele ignorieren das „Mindest“ und sehen das Datum als Wegwerfdatum. Das ist allerdings falsch. Es zeigt nur, bis wann ein Produkt auf jeden Fall haltbar sein muss und voller Geschmack und Optik gewährleistet sind. Etwa 65 % aller Lebensmittel sind meist noch einwandfrei genießbar. Einfach wieder den Sinnen vertrauen. Was gut riecht und schmeckt, kann gar nicht so schlecht sein.

Ich finde auch, Lebensmittel sind oft bei uns zu billig. So werden Verbraucher sehr anfällig dafür, vieles zu schnell wegzuschmeißen. Nehmen wir das Beispiel Joghurt: Wenn Handelskette A eine Anzahl von Paletten mit Ablaufdatum 15.6. bestellt, und Handelspartner B beim selben Produzenten das Ablaufdatum 23.6. anfordert – dann kann es ein, dass er Joghurt aus demselben Bottich kriegt, nur anders abgestempelt. Der Joghurt ist ja am 16. nicht schlecht, sondern mindestens noch vier Wochen haltbar ohne Einschränkung des Geschmacks. Aber die Verbraucher schmeißen ihn trotzdem sicherheitshalber am 13. schon weg.

Auch ein wichtiger Faktor: Falsche Lagerung. Die meisten Lebensmittel landen im Müll, weil sie falsch gelagert werden. Lebensmittel bleiben länger frisch, indem wir sie vor Luft und Keimen schützen. Denn diese lassen Lebensmittel schnell verderben. Darum ist es wichtig, alles direkt in Frischhaltedosen umzufüllen.

Ich nutze bereits seit Jahren – beruflich und privat – die CLIP&CLOSE Frischhaltedosen von EMSA. Durch ihre spezielle Frische-Dichtung, die fest in den Deckel eingespritzt ist, halten sie Lebensmittel länger frisch als herkömmliche Dosen.

Und das wurde sogar von der FH Münster wissenschaftlich bestätigt. Während frische Erdbeeren ja in der Regel bereits nach ein paar Tagen ungenießbar sind, können sie in einer CLIP&CLOSE Frischhaltedose gelagert noch bis zu zwei Wochen nach dem Kauf gegessen werden.

EMSA und ich haben gemeinsam die Mission Frische gegründet. Zusammen setzen wir uns mit den speziellen Frischhaltedosen und vielen wertvollen Tipps gegen Lebensmittelverschwendung ein.

3. Was hat es mit Mindesthaltbarkeitsdatum und Verfallsdatum auf sich?

Man sollte sich nicht vom Mindesthaltbarkeitsdatum auf der Verpackung unter Druck setzen lassen. Viele Lebensmittel können auch nach Ablauf dieses Datums noch problemlos verspeist werden. Aber Achtung, bitte unterscheiden zwischen MHD und Verfallsdatum. Beim Verbrauchsdatum sollte man Hackfleisch, Fisch und Co. auf keinen Fall mehr verzehren. Joghurt, der über das MHD heraus ist, lässt sich aber oft noch problemlos genießen.

4. Zum einen gibt es ein Überangebot an billigen Lebensmitteln, so dass viele kaum mehr ihren wahren Wert (wert-)schätzen können. Das fängt an bei Discounter-Preisen, setzt sich fort bei All you can eat-Angeboten in Restaurants bis hin zu„Familienpackungen“ im Supermarkt, die für kleine Haushalte nicht funktionieren, weil das Essen schneller schlecht wird, als man es verwerten kann.
Was kann man dagegen tun?

Respekt vor Lebensmitteln: Viele von uns haben gar kein Bezug mehr zu den Lebensmitteln, die im Einkaufskorb landen. Wir wissen schlicht nicht, wie sie produziert wurden, wie viel Liebe und Arbeit in ihnen steckt. Im Supermarkt wird uns immer nur dieses vermeintlich perfekte Obst und Gemüse angeboten. Doch warum soll eine dreibeinige Möhre schlechter schmecken als eine perfekte gerade gewachsene?
Schätzungen für Großbritannien gehen davon aus, dass 30 % der Gemüseproduktion das Feld nicht verlassen. Für Deutschland liegt keine Studie vor, aber wir können davon ausgehen, dass es hier sehr ähnlich aussieht.

„Wieder Respekt haben vor dem Tier"

Auch unseren Fleischkonsum müssen wir dringend überdenken. Hier gilt es, das gesamte Tier zu verarbeiten. Ein Huhn besteht nicht nur aus Brust und Keule. Wer Fleisch isst, isst ein Tier, das einmal gelebt hat. Das sollte sich jeder von uns bewusst machen. Und ein Tier besteht nicht nur aus Filet, das uns quadratisch, praktisch gut im Supermarktregal präsentiert wird und uns bloß nicht mehr daran erinnert, das es mal ein Tier war.

Früher war es selbstverständlich, dass das ganze Tier verwertet wird. Das ist heute anders. Egal ob Knochen oder Innereien – mit dem richtigen Wissen, kann man aus allen Teilen des Tieres etwas machen. Wieder Respekt haben vor dem Tier. Nichts soll verschwendet werden.

Geht mal wieder auf den Wochenmarkt (da haben wir einen Schönen Artikel - hier), zum Bauern von nebenan und hinterfragt, wie manche Dinge erzeugt und produziert wurden.
Baut im Balkonkasten selbst mal ein bisschen Gemüse an. Denn wer weiß, wie viel Arbeit und Hingabe in Lebensmitteln steckt, hat auch ein Verständnis für seinen Wert.

5. In Frankreich gibt es seit dem 22.05. ein neues Gesetz, das dem Großhandel verbietet, unverkaufte Nahrungsmittel wegzuwerfen. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?

Ja!!! 313 kg genießbare Lebensmittel landen in Deutschland pro Sekunde in der Tonne – ob auf dem Feld, im Einzelhandel, in Kantinen oder beim Verbraucher. Das ist eine sinnlose Ressourcenverschwendung und schadet unserer Umwelt. Mehr als 50 Prozent davon können schon jetzt vermieden werden, wenn Produzenten, Händler und Verbraucher unser aller Essen mehr wertschätzen würden.

Dafür muss die Politik endlich handeln und gegen die Lebensmittelverschwendung vorgehen. Das hat der Bundestag bereits 2012 versprochen, doch bis heute fast nichts getan. Der WWF hat eine Petition “Lebensmittelverschwendung stoppen” ins Leben gerufen, die ich unterstütze. Wir fordern von der Bundesregierung eine Strategie gegen Lebensmittelverschwendung unter Berücksichtigung aller Akteure - vom Feld, über den Lebensmitteleinzelhandel, Kantinen, bis zu den Verbrauchern. Für die Entwicklung dieser Strategie und die langfristige Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung muss der Bundestag ab 2016 ausreichend Gelder zur Verfügung stellen.

Wir haben innerhalb von 4 Tagen bereits knapp 20.000 Unterschriften bei unserer Petition sammeln können. Auch Sie können mitmachen: Lebensmittelverschwendung bei WWF

6. Was ist unsere Aufgabe als Verbraucher, was können und müssen wir tun?

So wenig wie möglich Abfall produzieren. Zum Beispiel: Wenn man Broccoli kocht, kann man auch die Stiele verwenden. Man muss nur wissen, wie das funktioniert. Auch gibt es bei uns im Kühlschrank keine zehn Sorten Wurst. Zwei oder drei tun’s auch.

Das sind meine Tipps, wie man beim Einkaufen und beim Verwenden der Produkte echt Geld sparen kann.

  1. Kennen Sie Ihre Vorräte. Schauen Sie vor dem Einkauf nach: Wie viel Milch oder Butter ist noch da, sind vorhandene Wurst oder Joghurt noch in Ordnung?
  2. Kaufen Sie nur, was Sie brauchen. Sprich: Machen Sie sich vor dem Gang in den Supermarkt Gedanken, was Sie in den nächsten drei Tagen kochen wollen und schreiben Sie wieder eine gute alte Einkaufsliste. Dann landet auch nur das im Korb, was Sie brauchen.
  3. Umgang mit Essensresten: Nicht immer essen wir auch alles auf, was auf dem Teller liegt. Es gibt tolle Möglichkeiten auch aus Resten ein leckeres Essen zu zaubern.
    Das Meiste, was in Deutschland weggeworfen wird, ist Brot. Allein 2 Mio. Tonnen Brot und Backwaren werden jährlich weggeschmissen.
    Ich mache aus altbackenem Brot zum Beispiel Arme Ritter. Entweder die süße Variante, bei der Brot mit Milch und Ei getränkt wird. Dann brät man es und isst es mit Zimt und Zucker oder Apfelmus. Oder herzhaft: das Brot im Aufweichwasser getrockneter Pilze baden, dazu etwas Ei und Sahne. Da haben Sie das Gefühl, Sie beißen in den Wald hinein.
  4. Lagern Sie richtig und halten Sie länger frisch. Das heißt, sortieren Sie Obst, Gemüse & Co. in die entsprechenden Zonen Ihres Kühlschranks. Und, verwenden Sie Frischhaltedosen mit spezieller Dichtung. Diese halten Lebensmittel länger frisch.
    Die Lebensmittel, die wir wegwerfen sind übrigens bares Geld. Pro Person werfen wir Deutschen Lebensmittel im Wert von 235 € weg. Bei einer vierköpfigen Familie sind das fast 1.000 € im Jahr.

7. Was kann und sollte die Politik tun?

Gemeinsam mit der Bundesregierung arbeite ich auch für das Projekt „Zu gut für die Tonne“. Vor fast drei Jahren haben wir z.B. eine App vorgestellt, die unter anderem Resterezepte und einen interaktiven Einkaufszettel enthält. Sie soll Verbrauchern beim Vermeiden unnötiger Lebensmittelabfälle helfen.

Damals hat die Bundesregierung zum ersten Mal zugegeben, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum nur eine Richtlinie ist. Nicht die Aufforderung zum Wegwerfen. Das sind kleine Schritte, aber Aufklärung der Verbraucher ist wichtig und da bleibe ich dran – und die Politik muss es auch.

Vielen Dank für das Interview, Herr Rach.

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